Eine Fernfahrt, die ich 1983 niemals vergessen habe.

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”Ein neuer Auftrag mitten im Familienleben”

  • Ich saß gerade mit meiner Ehefrau Elke im Wohnzimmer, als das Telefon plötzlich klingelte und mir einen neuen Auftrag beziehungsweise eine neue Fahrtroute ankündigte.
  • Elke war natürlich nicht gerade begeistert, denn unser damals erst wenige Monate alter Sohn quengelte wieder einmal vor sich hin.
  • Sie sah mich an und fragte sinngemäß, ob das jetzt wirklich mein Ernst sei, dass ich schon wieder auf Tour gehen müsse.

“Meine Antwort war damals ziemlich einfach”

  • Schließlich ist das mein Leben, und davon leben wir.
  • Eine vernünftige Wohnung und ein vernünftiges Leben wollten schließlich auch bezahlt werden.
  • Damit war für mich die Sache eigentlich geklärt.
  • Ich stellte meine Flasche Diebels Altbier zur Seite, ging zum Telefaxgerät und begann, den neuen Auftrag aufmerksam zu lesen.

“Ein Auftrag nach Palermo”

  • Der Auftrag hatte es in sich.
  • Am nächsten Vormittag sollte ich gegen 11 Uhr auf dem Düsseldorfer Großmarkt einen fertig beladenen Kühlzug übernehmen, der von Düsseldorf aus bis nach Palermo auf Sizilien gehen sollte.
  • Als ich Elke davon erzählte, war ihre Begeisterung – sagen wir einmal – durchaus überschaubar.

”Man konnte ihr die Freude über meine bevorstehende Abwesenheit jedenfalls wunderbar am Gesicht ablesen”

  • Diesmal musste ich wenigstens nicht erst meine Reisetasche zusammensuchen, denn für solche Fälle hatte ich grundsätzlich schon eine fertig gepackte Tasche bereitstehen.
  • Und bevor ich für einige Tage wieder in meine ganz eigene Welt aus Asphalt, Diesel, Autobahnen, Grenzübergängen und fremden Ländern verschwand, verbrachten Elke und ich noch einen sehr innigen Abend mit sehr leidenschaftlichen Sex miteinander.
  • Für mich bedeutete eine solche Fernfahrt schließlich immer auch, dass zu Hause für einige Tage romantische Zweisamkeit durch viele Stunden allein hinter dem Lenkrad ersetzt wurde.

”Abfahrt mit dem BMW zum Düsseldorfer Großmarkt”

  • Mein Name ist Jakob Diener, ich bin nicht nur freiberuflicher Redakteur und Journalist aus Nordrhein-Westfalen, sondern auch Berufskraftfahrer und Kraftverkehrsmeister aus Leidenschaft.

“Am nächsten Morgen machte ich meinen Siebener-BMW fertig und fuhr zum Düsseldorfer Großmarkt”

  • Im Büro des Auftraggebers wartete zunächst die Arbeit, die für mich genauso selbstverständlich zum Fernfahrer Beruf gehörte wie später das Lenkrad:

“Papierprüfung”

  • Ich kontrollierte die Frachtunterlagen, die Angaben zur Ladung und natürlich auch, ob der CMR ordnungsgemäß ausgefüllt worden war.
  • Erst wenn die Papiere stimmten, konnte ich mit gutem Gefühl auf die lange Reise gehen.

“Was ein CMR eigentlich ist”

  • CMR steht für „Convention relative au contrat de transport international de marchandises par route“, also das Übereinkommen über den Beförderungsvertrag im internationalen Straßengüterverkehr.
  • Das Abkommen wurde am 19. Mai 1956 in Genf geschlossen und trat international am 2. Juli 1961 in Kraft.
  • Deutschland und Italien gehörten bereits lange vor meiner Fahrt 1983 zu den Vertragsstaaten.

”Für uns Fernfahrer war der CMR-Frachtbrief ein ausgesprochen wichtiges Dokument”

  • Er begleitete die Ware und enthielt unter anderem Angaben über Absender, Frachtführer und Empfänger, Ort und Datum der Übernahme, Bestimmungsort, Art und Menge der Ware, Verpackung, Gewicht sowie weitere transportrelevante Angaben.
  • Die CMR-Regelungen sahen grundsätzlich drei Originalausfertigungen vor:
  • Eine für den Absender, eine begleitete die Ware und eine verblieb beim Frachtführer.
  • Der Frachtbrief diente als wesentlicher Nachweis über den Beförderungsvertrag und die Übernahme der Güter.

“Der internationale Frachtbrief”

  • Gerade bei einer internationalen Fahrt wie Düsseldorf–Palermo war das für mich keine Nebensache.
  • Ein falsch ausgefülltes oder widersprüchliches Dokument konnte an einer Grenze oder bei einer Kontrolle schnell zum Problem werden.

“Deshalb galt für mich schon damals”

  • Erst die Papiere, dann die Ladung und erst danach die Straße.
  • Die letzte Verantwortung liegt beim Fahrer
  • Nachdem die Papiere stimmten, überprüfte ich selbstverständlich auch die Ware.
  • Dazu kletterte ich hinten auf die Ladefläche und schaute mir die Ladung selbst an.
  • Ich konnte mich zwar auf das Beladungsteam sehr gut verlassen, aber die letzte Sorgfaltspflicht empfand ich als Fahrer trotzdem bei mir.
  • Ein Fernfahrer übernimmt schließlich nicht einfach nur ein Fahrzeug, sondern auch eine Verantwortung.

“Genau dasselbe galt für die Abfahrtskontrolle”

  • Bei einem Kühlzug mussten für mich Zugmaschine und Kühlauflieger kontrolliert werden.
  • Reifen, Beleuchtung, Bremsanlage, Aufbau, Türen, Verschlüsse, Leitungen, Kühlanlage und die gesamte Ladungssicherung mussten einen vernünftigen Eindruck machen.
  • Gerade bei einer internationalen Tour über Tausende Kilometer durfte man sich nicht darauf verlassen, dass schon alles gut gehen würde.
  • Eine gründliche Kontrolle am Anfang konnte später sehr viel Ärger ersparen.

“Endlich ging es los”

  • Als schließlich alles erledigt war, setzte ich mich hinter das Lenkrad und fuhr los.
  • Und obwohl ich genau wusste, wie viele Kilometer vor mir lagen, freute ich mich irgendwie auf diese endlos lange Tour.

“Düsseldorf lag hinter mir, und vor mir lag Italien”

  • Von Düsseldorf ging es zunächst über Köln weiter in Richtung Frankfurt am Main.
  • Danach führte mich die Strecke über Würzburg und Nürnberg weiter nach München.
  • Und natürlich konnte ich mir meinen persönlichen Seitenhieb auf den FC Bayern nicht verkneifen!
  • Ich war und bin schließlich ein überzeugter Borussia-Mönchengladbach Fan.
  • München wurde also lediglich durchquert, bevor es weiter Richtung Innsbruck ging.

“Über Innsbruck und den Brenner nach Italien”

  • Von Innsbruck aus ging es über den Brenner und anschließend weiter nach Brixen.
  • Damit war Italien erreicht.
  • Für mich war diese Gegend allerdings nicht einfach nur ein Stück Straße.

”Sobald ich in dieser Region unterwegs war, musste ich immer wieder an meine Oma denken”

  • Mit ihr war ich als Kind oft nach Steinach am Brenner in den Urlaub gefahren.
  • Wir waren damals auf einem romantischen Bauernhof untergebracht, und diese Erinnerungen sind mir bis heute geblieben.
  • Gerade solche Momente machten für mich den Beruf des Fernfahrers aus.
  • Man fährt durch fremde Länder und entdeckt dabei plötzlich Erinnerungen aus der eigenen Kindheit wieder.
  • Eine bestimmte Landschaft, ein Berg, ein Ortsschild oder einfach nur die Luft können einen Jahrzehnte zurückversetzen.

“Durch Norditalien und weiter nach Süden”

  • Von Brixen führte mich die Fahrt weiter in Richtung Verona.
  • Danach ging es über Bologna nach Florenz und weiter Richtung Süden.
  • Arezzo lag auf der Strecke, und irgendwann erreichte ich Rom.
  • Für einen Fernfahrer bedeutete das damals allerdings nicht, dass man plötzlich einen touristischen Urlaubstag eingelegt hat.

“Zeit war Geld, und ein Auftrag hatte einen Zieltermin”

  • Trotzdem ließ ich mir einen Besuch des Petersdoms nicht nehmen.
  • Ich war bereits mit 21 Jahren aus der römisch-katholischen Kirche ausgetreten, doch das bedeutete für mich nicht, dass ich keine historischen oder kulturellen Bauwerke mehr interessant fand.

“Im Gegenteil”

  • Wer den Petersdom betritt, erlebt eine Dimension von Architektur, Kunst und Reichtum, die einen zunächst einmal sprachlos machen kann.
  • Gleichzeitig musste ich damals wie heute darüber nachdenken, dass auch 1983 Menschen in Deutschland und anderswo große finanzielle Sorgen hatten.
  • Solche Gegensätze haben mich als Mensch immer beschäftigt.

“Weiter Richtung Neapel und Sizilien”

  • Nach Rom ging es weiter Richtung Süden.
  • Mein kleiner Gedankensprung zu Bud Spencer war dabei natürlich nur ein persönlicher Spaß – tatsächlich fuhr ich nicht zu Bud Spencer, sondern ganz einfach weiter Richtung Neapel.
  • Danach führte mich die Strecke an Pompeji vorbei.
  • Kilometer um Kilometer verschwand Norditalien hinter mir, und irgendwann war ich wirklich tief im Süden angekommen.

“Villa San Giovanni”

  • In Villa San Giovanni stand schließlich die Überfahrt nach Sizilien bevor.
  • Die Fähre war bereits gebucht, und nach der Abfertigung musste ich warten, bis mein Kühlzug an Bord konnte.
  • Die Überfahrt über die Straße von Messina ist auch heute noch ein fester Bestandteil der Verbindung zwischen dem italienischen Festland und Sizilien.
  • Moderne Angaben nennen für die kommerzielle Überfahrt je nach Hafen ungefähr 20 bis 45 Minuten.

“Sizilien – eine völlig andere Welt”

  • Auf Sizilien angekommen, ging es von Messina weiter über Villafranca Tirrena und weiter entlang der Nordküste über die Orte, die mir damals auf meiner Route begegneten.
  • Richtung Fiumefreddo, San Giorgio, Capo d’Orlando, Sant’Agata di Militello und schließlich weiter nach Termini Imerese.
  • Die Strecke zog sich unglaublich in die Länge.

“Doch irgendwann tauchte Palermo vor mir auf”

  • An einen Punkt erinnere ich mich besonders gern.
  • In Palermo wurde ich mit meinem Kühlzug auf einen kleinen Bauernhof beziehungsweise Betrieb gewunken, wo die Ware entladen werden sollte.
  • Und eigentlich müsste ich sagen:
  • Dort wurde entladen – denn ich selbst musste kaum einen Finger rühren.
  • Stattdessen wurde ich zum Abendessen eingeladen und bekam etwas zu trinken.

”Genau solche Erlebnisse waren für mich das Schöne am internationalen Fernverkehr”

  • Natürlich hatte ich meine ganz persönlichen Eindrücke von den Menschen und den Verhältnissen dort.
  • Ich hatte damals auch den Eindruck, dass mein Kunde Verbindungen zu Leuten hatte, die ich der Mafia zurechnete.
  • Das war allerdings mein persönlicher Eindruck und keine von mir überprüfte Tatsache.

“Was ich dagegen mit Sicherheit sagen kann”

  • Die Gastfreundschaft, die ich dort erlebt habe, war außergewöhnlich.

“Ein Bett statt der Fahrerkabine”

  • Nach dem Essen und einem Glas Wein konnte ich mich hinlegen.
  • Und das war für mich schon etwas Besonderes, denn normalerweise war die Fahrerkabine mein Zuhause auf Zeit.

“Die Pension”

  • Diesmal durfte ich in einer kleinen Pension übernachten.
  • Nach einer solchen Fahrt war das natürlich ein Geschenk.
  • Am nächsten Morgen ging ich in die große Halle.
  • Dort stand mein Fahrzeug bereits wieder bereit.
  • Der Kühlauflieger war beladen, die Plombe war angebracht und auch das erforderliche Containerschloss war vorhanden.

“Doch dann kam für mich der eigentliche Höhepunkt”

  • Mein gesamter Kühlzug stand sauber gewaschen und poliert da.
  • Für einen Fernfahrer, der viele Tage auf der Straße verbrachte, war so etwas tatsächlich ein kleines Erlebnis.

“Der Abschied”

  • Ich verabschiedete mich ordentlich von allen Menschen, die mir dort geholfen hatten.
  • Italienisch konnte ich zwar nicht, aber für einen herzlichen Händedruck, ein Lächeln und ein „Ciao“ brauchte man keinen Sprachkurs.

“Der Rückweg von Palermo nach Düsseldorf”

  • Doch Palermo war nur die Hälfte der Geschichte.
  • Ein Fernfahrer kann schließlich nicht einfach am Ziel stehen bleiben.

”Also ging es wieder zurück”

  • Von Palermo führte mich die Route über die Nordküste Siziliens zurück Richtung Termini Imerese, Sant’Agata di Militello, Capo d’Orlando, San Giorgio und Messina.
  • Dort wartete erneut die Überfahrt nach Villa San Giovanni.
  • Vom italienischen Festland ging es anschließend wieder nach Norden, vorbei an Neapel und Rom, weiter über Florenz und Bologna, anschließend über Verona und Brixen zurück Richtung Brenner.
  • Danach ging es über Innsbruck, weiter durch Tirol und über Bayern, vorbei an München und Nürnberg, über Würzburg und Frankfurt am Main, weiter Richtung Köln und schließlich zurück nach Düsseldorf zum Großmarkt.

“Die Strecke”

  • Damit war die Strecke nicht einfach nur eine Fahrt nach Palermo und zurück.
  • Es war eine komplette Durchquerung Italiens von den Alpen bis nach Sizilien und wieder zurück – mit einer Fülle von Landschaften, Menschen, Erinnerungen und Erlebnissen, die mir bis heute geblieben sind.

“Wie viele Kilometer waren das tatsächlich?”

  • Bei einer historischen Rekonstruktion muss man vorsichtig sein, denn eine exakt gefahrene Kilometerzahl aus dem Jahr 1983 lässt sich ohne das damalige Fahrtenbuch, die damalige konkrete Streckenführung und den Kilometerstand des Fahrzeuges nicht seriös behaupten.
  • Als Vergleichswert nennt der ADAC heute für Düsseldorf–Palermo rund 2.361 Kilometer auf einer aktuellen Straßenverbindung.
  • Eine Verbindung über den Brenner und die von mir beschriebene Route kann davon abweichen.

”Für meine Rekonstruktion setze ich deshalb rund 2.350 bis 2.400 Kilometer für die einfache Strecke an”

  • Daraus ergeben sich für Düsseldorf–Palermo–Düsseldorf ungefähr 4.700 bis 4.800 Straßenkilometer.
  • Als praktikablen Erinnerungswert würde ich deshalb rund 4.750 Kilometer für die komplette Tour ansetzen.
  • Die Fährstrecke über die Straße von Messina kommt dabei als eigener, kurzer Wasserabschnitt hinzu und wird nicht als Straßenkilometer berechnet.

“Die reine Fahrzeit eines schweren Kühlzuges”

  • Auch bei der Fahrzeit muss man zwischen einer theoretischen Fahrzeit und der tatsächlich zulässigen Arbeits- und Ruhezeit unterscheiden.
  • Ein schwer beladener Kühlzug aus den frühen 1980er-Jahren war natürlich nicht mit einem modernen Lkw vergleichbar.
  • Für eine historische Annahme der Berechnung halte ich eine durchschnittliche tatsächliche Reisegeschwindigkeit von ungefähr 60 bis 65 km/h über die gesamte Strecke.

”Einschließlich langsamerer Abschnitte, Berge und Ortsdurchfahrten, aber ohne längere Ruhezeiten – für eine nachvollziehbare Größenordnung”

  • Bei rund 2.360 Kilometern und einer angenommenen Durchschnittsgeschwindigkeit von 65 km/h ergibt sich eine reine rechnerische Lenkzeit von ungefähr 36 Stunden und 20 Minuten für die einfache Strecke.
  • Hin und zurück wären es ungefähr 72 Stunden und 40 Minuten reine Lenkzeit.
  • Das ist allerdings eine technische Rechengröße und keinesfalls eine Aussage darüber, dass ein einzelner Fahrer diese Strecke damals einfach ohne die vorgeschriebenen Ruhezeiten hätte durchfahren dürfen.

“Die gesetzlichen Lenk- und Ruhezeiten im Jahr 1983”

  • Gerade hier wird die historische Betrachtung interessant.
  • 1983 galten im internationalen Straßengüterverkehr noch die damaligen Vorschriften der Verordnung EWG Nr. 543/69.
  • Für die hier betrachtete Fahrzeugklasse war die ununterbrochene Lenkzeit grundsätzlich auf vier Stunden begrenzt.
  • Für die entsprechenden schweren Güterfahrzeuge durfte die tägliche Lenkzeit grundsätzlich acht Stunden nicht überschreiten.
  • Die allgemeine Regel erlaubte für bestimmte Fahrzeuge höchstens zweimal pro Woche eine Verlängerung auf neun Stunden.

”Außerdem lag die maximale Lenkzeit bei 48 Stunden innerhalb einer Woche und 92 Stunden innerhalb zweier aufeinanderfolgender Wochen”

  • Für einen Fahrer im Güterverkehr waren außerdem grundsätzlich 10 zusammenhängende Stunden Tagesruhe vorgesehen.
  • Unter den damaligen Bedingungen waren begrenzte Verkürzungen möglich.
  • Außerhalb des Standortes konnte die tägliche Ruhezeit höchstens zweimal pro Woche auf acht Stunden reduziert werden.
  • Zusätzlich verlangte die damalige Regelung mindestens 24 zusammenhängende Stunden Wochenruhe, die unmittelbar an eine Tagesruhezeit anschließen musste.

“Und noch etwas ist für meinen damaligen Auftrag besonders wichtig”

  • Bei einem Güterfahrzeug mit einem zulässigen Gesamtgewicht von mehr als 20 Tonnen und einer Strecke von mehr als 450 Kilometern zwischen zwei aufeinanderfolgenden Tagesruhezeiten verlangte Artikel 6 der damaligen Regelung grundsätzlich einen zweiten Fahrer oder eine Ablösung spätestens nach 450 Kilometern.
  • Das bedeutet, dass eine historisch und rechtlich saubere Rekonstruktion meiner Palermo-Fahrt nicht einfach davon ausgehen darf, dass ein einzelner Fahrer einen schweren Kühlzug über die komplette Strecke ohne Ablösung gefahren hätte.

“Der Fahrtenschreiber war 1983 längst Realität”

  • Auch der Gedanke, dass man damals einfach ohne Kontrolle unterwegs gewesen sei, wäre falsch.
  • Die Europäische Gemeinschaft hatte bereits 1970 mit der Verordnung EWG Nr. 1463/70 die Einführung von Aufzeichnungsgeräten im Straßenverkehr geregelt.
  • Der Fahrtenschreiber beziehungsweise Tachograph diente dazu, Fahr- und Standzeiten sowie weitere relevante Zeiten aufzuzeichnen.
  • Der Europäische Gerichtshof stellte später ausdrücklich fest, dass der Tachograph die früher verwendeten individuellen Kontrollbücher zunehmend ersetzte.

“Für meine historische Rekonstruktion bedeutet das”

  • Die Tour gehörte in eine Welt, in der ein Fernfahrer seine Lenk- und Ruhezeiten keineswegs einfach nach persönlichem Gefühl gestalten konnte.
  • Gleichzeitig waren die damaligen Vorschriften deutlich anders als die heutigen Regelungen.
  • Ich habe deshalb bewusst die für 1983 geltenden Vorgaben zugrunde gelegt und nicht die heute bekannten Werte.

“Was bedeutet das für meine Palermo-Tour?”

  • Wenn ich die rund 2.350 bis 2.400 Kilometer einfache Strecke mit etwa 36 bis 37 Stunden reiner Lenkzeit ansetze, lässt sich die Reise nicht als ununterbrochene Einzelfahrt eines einzelnen Fahrers darstellen.
  • Nach den damaligen Vorschriften hätten die erforderlichen Tagesruhezeiten, Unterbrechungen und bei einem entsprechend schweren Fahrzeug die Bestimmungen über Mehrfahrerbetrieb beziehungsweise Ablösung berücksichtigt werden müssen.

”Eine realistische rechtliche Rekonstruktion der einfachen Strecke liegt deshalb nicht bei den theoretischen 36 Stunden, sondern deutlich darüber”

  • Bei einem ordnungsgemäßen Einzelfahrer-Szenario wären bei 36 bis 37 Stunden notwendiger Lenkzeit mindestens fünf Lenkabschnitte erforderlich, wenn man grundsätzlich höchstens acht Stunden pro Tageslenkzeit zugrunde legt.
  • Zwischen diesen Lenkabschnitten wären die damals vorgeschriebenen Tagesruhezeiten einzuplanen.

”Allein dadurch würde die Reisezeit auf ungefähr 80 Stunden oder mehr anwachsen, bevor zusätzliche Verzögerungen durch Beladung, Abfertigung, Verkehr, Grenzformalitäten, Fähre und sonstige Arbeitszeiten berücksichtigt werden”

  • Bei dem damals für schwere Fahrzeuge geltenden Mehrfahrer- beziehungsweise Ablösungsprinzip konnte die Fahrzeugbewegung wesentlich dichter organisiert werden, wobei auch dort die jeweils für jeden Fahrer geltenden Lenk- und Ruhezeiten eingehalten werden mussten.

“Ein 40-Tonner war 1983 nicht einfach ein heutiger 40-Tonner”

  • Wenn ich in meinen Erinnerungen von einem „40-Tonner“ spreche, benutze ich damit vor allem die Sprache eines Fernfahrers.
  • Rechtlich darf man daraus aber nicht automatisch schließen, dass jedes Gespann 1983 überall mit exakt 40 Tonnen zulässigem Gesamtgewicht unterwegs sein durfte.
  • Die zulässigen Gesamtgewichte waren von Fahrzeugkonfiguration, Achszahl, Land und den jeweils geltenden Vorschriften abhängig.
  • Historische Quellen zeigen beispielsweise für Österreich die damalige Bedeutung der 38-Tonnen-Grenze bei schweren Lastzügen.

”Es sei denn, dass man von Kufstein per HUPAC nach Italien fährt”

  • Für meine Kilometer- und Zeitrechnung nehme ich deshalb den „40-Tonner“ als Bezeichnung für den schweren, voll beladenen Kühlzug und nicht als pauschale Behauptung eines überall zulässigen Gesamtgewichts von genau 40.000 Kilogramm.

“Rund 4.750 Kilometer voller Erinnerungen”

  • Wenn ich heute auf diese Fahrt zurückblicke, bleiben am Ende nicht nur Kilometerzahlen übrig.
  • Es bleiben Düsseldorf, der Großmarkt, das Telefax, Elke, unser kleiner Sohn, die vorbereitete Reisetasche, der Geruch von Diesel und Kühlaggregat, die Berge rund um den Brenner, Brixen, Verona, Bologna, Florenz, Arezzo, Rom, Neapel, Pompeji, Villa San Giovanni, die Fähre nach Messina, die lange sizilianische Küstenstraße und schließlich Palermo.

”Rechnerisch sprechen wir bei dieser historischen Rekonstruktion von ungefähr 2.350 bis 2.400 Kilometern pro Richtung und damit von rund 4.700 bis 4.800 Kilometern für die gesamte Hin- und Rückfahrt”

  • Die reine technische Lenkzeit liegt bei ungefähr 72 bis 74 Stunden für beide Richtungen, wenn man mit einer durchschnittlichen Reisegeschwindigkeit von etwa 65 km/h rechnet.
  • Die tatsächliche gesetzeskonforme Reisezeit war jedoch wegen Lenkzeitunterbrechungen, Tagesruhezeiten, Wochenruhe, Fähre, Abfertigungen und sonstigen Arbeitszeiten erheblich länger.

“Mein Leben als Fernfahrer”

  • Und genau darin lag für mich der Zauber dieses Berufes.
  • Während zu Hause Elke vielleicht gerade wieder dachte, dass ihr Mann schon wieder viel zu lange unterwegs war, saß ich irgendwo zwischen den Alpen und Sizilien in meinem Führerhaus und wusste gleichzeitig, dass zu Hause eine Familie auf mich wartete.
  • Ich fuhr nicht nur für mich.
  • Ich fuhr für unsere Wohnung.
  • Für unser gemeinsames Leben.
  • Für unseren Sohn und für die Zukunft unserer Familie.

“Heute”

  • Jahrzehnte später, sehe ich diese Tour mit anderen Augen.
  • Damals waren es für mich Kilometer, Termine, Frachtpapiere, Kühltemperaturen, Diesel, Fähren und die nächste Entladestelle.

”Heute sind es Erinnerungen”

  • Erinnerungen an eine Zeit, in der ein Fernfahrer noch viel stärker auf sich selbst gestellt war, in der ein Telefax einen Auftrag ankündigte und in der eine Fahrt nach Palermo tatsächlich ein kleines Abenteuer war.
  • Und wenn ich heute sage, dass diese Fahrt von Düsseldorf nach Palermo und zurück ungefähr 4.750 Kilometer umfasst hat, dann meine ich damit nicht nur eine Strecke auf einer Landkarte.
  • Ich meine fast 4.750 Kilometer meines Lebens. Kilometer, die mich von meiner Familie weg führten, mich durch halb Europa brachten und mich am Ende wieder dorthin zurückführten, wo mein eigentliches Zuhause war.
  • Zu Elke und unserem kleinen Sohn.
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